Lieber Gott, gib mir Geduld-jetzt sofort!
Können wir noch warten? Haben wir verlernt Geduld und Eigenverantwortung zu haben? Und brauchen wir die überhaupt?
Während ich hier früh um 6:30 Uhr am Computer sitze, ist draußen, bereits für gestern, Schneesturm und Chaos angesagt. Die Medien raten dazu, nach Möglichkeit zu Hause zu bleiben. Gestern Nachmittag bot sich schon ein seltsames Bild: In Lebensmittelgeschäften gähnten die Regale weitestgehend vor Leere, Menschen mit Hamsterkäufen und einer Mischung aus Angst und Wut im Gesicht. Hektisches Schimpfen und Hupen auf den Parkplätzen, während sich lange Autocorsos bereits Mittags über die B188 heimwärts schoben. Im Internet Warnungen und wirklich Überlebensempfehlungen zu Hauf: Lebensmittellisten zur Bevorratung, an Batterien, Kerzen, Streichhölzer, Haustiere und Medikamente gedacht? Es wird immer wieder auf den privaten Katastrophenschutz und seine Empfehlungen der Bundesrepublik hingewiesen und eingekauft, als ob morgen die Welt unterginge. Andererseits wird deutlich gemacht „sieh zu, dass Du zur Arbeit kommst, aber fahre vorsichtig und nimm Decken, Benzinkanister und warme Getränke mit.“ und „so verhältst Du Dich Dich im Schnee richtig.“ Und ich? Ich sitze im übertragenden Sinne staunend daneben.
Bin ich schon zu alt für diese Art Panik?

Mit Menschenverstand und Nächstenliebe
Als Jahrgang 1970 denke ich mit Wonnen an den schneereichen Winter 1978/79 zurück. Die Schule fiel ein paar Tage aus, weil der Schnee uns SchülerInnen bis zum Bauchnabel ging und die Verwehungen sehr hoch waren. Eingekauft wurde nur wenn es nötig war, aber es wurde von sich aus an die Nachbarn gedacht, nachgefragt ob es etwas besorgt werden solle, und wenn dann sind wir mit dem Schlitten an der Hand und Spikes an den Füßen los. Ging alles. Man war für einander da und hat gemeinsam gewartet, dass die Wetterlage sich beruhigte.
Ja, es gab auch kritische Gegenden. Die Nordseeinseln und jeder Landwirt bangte um seine Tiere, entweder weil der Hunger nicht zu stillen war oder die Stallheizungen nicht mehr liefen. Und das ist absolut furchtbar. Es gibt entsprechende Aufzeichnungen in den gängigen Mediatheken. Aber insgesamt liefen diese Tage durch Menschenverstand und Nächstenliebe recht ruhig ab. In diesen Zeiten hatte man auch noch Eingekochtes im Keller, Kerzen, Campingkocher und Batterien waren immer da, weil sie auch immer mal gebraucht wurden. Und man rückte zusammen und spielte auch als Familie miteinander.
Von gestern muss nicht schlecht sein
Ist das die Lösung?
Heute leben wir alle in einer Wegwerf-Gesellschaft. Und ich bin davon überzeugt, dass ist wirtschaftlich auch so gewollt. Schließlich gibt es ja auch sogenannte Soll-Bruchstellen, bei denen man sich fragt, warum diese Stelle ausgerechnet dort und jetzt ist.
Die Socke hat ein Loch? Weg damit.
Das Handy ist nicht mehr up to date-kauf ein neues-und zwar jetzt gleich! Geduldig darauf sparen? Oder bis zum Geburtstag warten? Warum?
In Keller und Dachboden werden eher die Sachen gesammelt und gestapelt, die man eh entsorgen möchte. Sie dienen längst nicht mehr der Vorratshaltung.
Ich denke nicht, dass wir alle zu selbstversorgenden Veganern werden müssen. Aber ich bin davon überzeugt, dass wir das selbstständig Denken nicht verlernen sollten und uns auch nicht vor der Eigenverantwortung verstecken dürfen.
Natürlich ist es leicht, Listen abzuarbeiten und Ratschläge zu befolgen, die „von ganz oben“ kommen, in Treu und Glauben, dann wird es schon richtig sein. Aber zeigt uns nicht die Gegenwart, dass gerade „ganz oben“ jede Realität aus den Gedanken verschwunden oder verschoben ist?
Es ist einfach zu sagen, man hätte alles gemacht, was einem gesagt wurde und trotzdem hat es nicht gereicht oder war falsch. Damit schieben wir die Verantwortung für unser Wohlergehen auf Gedeih und Verderb jemand anderem zu. Aber macht es das besser? Quasi von einer anderen Instanz zu etwas gezwungen werden, möglicherweise mit einer Ahnung, dass es anders besser ginge?
Eigenverantwortung und Menschenverstand
Meine verstorbene Freundin Lieselott hat immer gesagt „Ein jeder kommt irgendwann in die Konsequenzen seiner Entscheidungen.“
Ist es dann noch immer ein gutes Gefühl, wenn diese Konsequenzen aus Entscheidungen von anderen für mich getroffen wurden und ich trotzdem ganz allein die Konsequenzen tragen muss?
Mit behagt das zumindest so gar nicht.
Ja, ich bin ein Sicherheitsfreak. Alles was ich tue entspringt einem Bedürfnis nach Sicherheit. Diese sehr persönliche Sicherheit kann mir kein anderer geben.
Natürlich höre ich mir Vorschläge an, aber mein Wunsch nach Sicherheit und Selbstbestimmung ist so groß, dass ich aus allem, was ich so wahrnehme eine Decke stricke, die mich wärmt, die meinem Denken und Fühlen entspricht. Wenn sie am Ende zu kurz ist, dann bin ich vor allem selbst schuld und das ist bestimmt nicht großartig, aber ich habe auch die Möglichkeit, es ein anderes Mal besser zu machen, denn ich habe daraus gelernt. Und dieses für Leben lernen birgt auch, wieder das Geduld aufbringen. Erinnere Dich:
Ob lesen, schreiben oder Fahrrad fahren-für alles haben wir einmal Geduld benötigt! Und weil nicht immer alles sofort klappt, entschleunigt uns dieses Lernen und Überdenken auch wieder.
Selbstfürsorge und Nächstenliebe
Lernen, selbstständig Denken und danach handeln sind für mich ein Teil gelebter Selbstfürsorge und die wird uns doch allenthalben gepredigt. Wie soll man denn aber für sich selbst sorgen können, wenn man es nie gelernt hat?
Ich rate ausdrücklich dazu, nicht vorbehaltlos alles 1:1 zu übernehmen. Auch meine Zeilen nicht. Überdenke, was Du siehst und hörst und forme geduldig daraus etwas neues, was auf Dich und Deine Bedürfnisse passt und dann frag mal bei der Omi von nebenan, ob sie bei dem Wetter nicht lieber zu Hause bleiben möchte und Du ihr den Einkauf mitbringen kannst. Vielleicht passt sie dann eines Tages mal auf Deine Kinder oder die Katze auf.
Wir lesen uns.
Good Vibrations.
SAM



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